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Viele Wege führen nach Rom.

Die 24. Innsbrucker Promenadenkonzerte gingen erfolgreich über die Bühne.


An 28 Spieltagen konzertierten vom 2. bis zum 29. Juli 2018 achtunddreißig verschiedene Orchester und Ensembles, vom Chor über das Symphonie-orchester, von der Brass Band bis zur Bigband, vom professionellen Militär- oder Polizeiorchester bis hin zu Trachtenkapellen aus Nord-und Südtirol. Wunderschöne Sommertage bescherten den Veranstaltern zudem einen oft brechend vollen Innenhof der kaiserlichen Hofburg in Innsbruck. Bei pro Konzert meist 1.200 Musikfreunden, welche während des gesamten Konzerts anwesend blieben, und nicht ganz so vielen flanierenden Gästen, die sich nur einen Teil des Konzertes zu Gemüte führten, brachten es die Innsbrucker Promenadenkonzerte wieder auf stolze 65.000 Besucher.

 

Es ist nicht genug, wenn Noten korrekt gespielt werden. Es ist auch nicht genug, wenn sie dem Publikum besonders schnell, besonders laut oder besonders leise dargeboten werden. Nach 38 Konzerten erweist sich die Erkenntnis wieder einmal als unabweisbar, dass das Entscheidende an einem Konzert in der Fähigkeit der auf der Bühne Tätigen darin besteht, auf welche Art auch immer die Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer zu erreichen und sie emotional zu bewegen. Allen, denen dies gelingt, ist der Applaus bis hin zu Standing Ovation sicher, wobei sich die Begeisterung, gleichsam statistisch überprüfbar, auch in der Kassa für freiwillige Spenden widerspiegelt. Erstaunlich ist dabei lediglich, auf wie vielen Wegen dieses Ziel erreicht bzw. als Folge nicht bezähmter Eitelkeit des Dirigenten oder Solisten zuweilen auch verfehlt wird.

Reine Lebensfreude und Musizierlust

Um mit dem erstaunlichsten Konzert zu beginnen: Gegen die zu einem Galakonzert im Feldanzug angereiste Militärmusik Salzburg brachten viele Zuhörer nicht nur in Sachen Adjustierung Einwände vor. Auch die an Jean-Baptiste Lully erinnernde Schlagtechnik des Dirigenten, das von Flügelhörnern und Tenören dominierte, eigentlich antiquierte Klangbild des Orchesters und eine Interpretation von Werken, bei der die genaue Linienführung der Hauptmelodie nicht immer sofort nachzuvollziehen war, gaben Anlass zu Kritik. Trotz dieser und einiger anderer Einwände verließ ein Großteil des Publikums das Konzert der Militärmusik Salzburg am Ende gesättigt von Musizierlust. Für viele war der Abend, der anderen Anlass zu Kritik gab, die Quelle von optimistisch stimmender Lebensfreude. Dies gilt auch für mich als Veranstalter, dessen gute Laune durch noch so staunendes Kopfschütteln, wie viele Fehler sich jemand leisten kann, der das Herz am rechten Fleck hat, nicht verdorben werden konnte. Und es galt für einen Großteil des Publikums, welches das Konzert beim Hinausgehen mit großzügigen Spenden belohnte.
Es geht auch so!

Mit Technik, Instrumentalkonzerten und Gesang

Im Zeitalter des Sports und der Technik versteht es sich von selbst, dass die geradezu artistischen Kapriolen, zu denen englische Brassbands in der Lage sind, viele begeistern, obgleich dies, so könnte man einwenden, mit Musikalität wenig, mit Leichtathletik jedoch mehr zu tun hat. So hört es sich für einen Österreicher exotisch an, wenn die Tredegar Town Band aus Wales oder Black Dyke aus England die Ouvertüre zu Mozarts „Hochzeit des Figaro“ bzw. zur Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß zu Gehör bringen und das hohe Blech dabei die Läufe bewältigt, als würde man sein Ohr auf die Motorhaube eines Mini Cooper Countryman legen. Dies alles ändert natürlich nichts daran, dass die Show der Briten perfekt war und für uns Mitteleuropäer noch lange ein Vorbild sein wird. Und es ändert nichts daran, dass solistische Einlagen mit eher leisen und lyrischen Stücken von einer sehr ausgereiften Bläserkultur zeugten. An dieser Bewunderung konnte nicht einmal Ian Porthouse von der Tredegar Town Band etwas ändern, der, als er bemerkte, dass das Publikum seine in englischer Sprache vorgetragenen Scherze verstand oder zumindest so tat, um den Nachbarn gegenüber mit Englischkenntnissen zu brillieren, mit insgesamt 60 Minuten Moderation seine eigenen Leistungen als Dirigent beschädigte.

Aber nicht nur Brass Bands vergoldeten ihr Konzert durch die Leistungen einzelner Solisten und, von ihnen abgesehen, durch teilweise hervorragende Leistungen von Sängerinnen und Sängern. So glänzte beim Konzert des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck Susanne Langbein mit Liedern von Richard Strauss ebenso wie beim Konzert des Pihalni Orkester Krka aus Slowenien Mateja Praprotnik mit dem „Lied an den Mond“ aus der Oper „Rusalka“ von Antonin Dvorak künstlerisch überzeugte. Unvergleichliche Leistungen als Instrumentalsolisten lieferten übrigens das Saxophonquartett Ellipsos beim Konzert des L`Orchestre d`Harmonie Francais aus Paris. Leider fehlt hier der Platz, all die wunderbaren Solisten aus dem Bereich der Klassik, vor allem jedoch des Jazz zu nennen, die etwa beim Konzert der Bigband der Bundeswehr, der Jazz Bigband Graz, aber auch beim Konzert des heimischen Clemens Ebenbichler Bigband Projects auftrumpften. Besonders hervorzuheben ist auch in diesem Jahr wieder das Konzert des Polizeiorchesters Bayern mit der unvergleichlichen Sopranistin Isabell Czarnecki, die mit ihrer warmen Stimme das Publikum mit Arien von Mozart, Ponchielli und Rossini verwöhnte.

Pultstars als gestikulierende Programmbücher

Und wieder einmal erwies es sich als gültig, dass der Dirigent, mit dem Rücken zum Publikum, durch seine Energie die entscheidende Kraftquelle ist, ob leidenschaftlich gespielt wird oder nicht. Darüber hinaus ersetzt er aber auch durch seine Bewegungen in gewisser Weise das Programmheft inklusive Analyse der Komposition. Dies gilt besonders für engagiert dirigierende Meister ihres Faches wie Thomas Clamor von der Sächsischen Bläserphilharmonie. Oder für Walter Ratzek, der das Orchester des Konservatoriums Monteverdi Bozen bzw. das Landesjugendblasorchester Oberösterreich leitete, aber auch für einen Matevz Novak vom Pihalni Orkester Krka, der wunderbaren Neuentdeckung aus Slowenien. Es gilt aber auch für Jos Zegers vom Bundespolizeiorchester München oder den energischen Björn Bus vom Landesblasorchester Baden-Württemberg. Ihre Dirigate waren neben klaren Anweisungen an die Musikerinnen und Musiker zugleich eine in die Luft gezeichnete Hinführung zu oftmals hochkomplexen Werke wie es etwa die Don Juan-Suite von Richard Strauss ist. Erfreulich, dass im abgelaufenen Konzertreigen dabei kein einziger Orchesterleiter auszumachen war, dessen Bewegungen sich als hohle Show erwies, eine Peinlichkeit, die dann zu diagnostizieren ist, wenn zwischen den ausladenden Bewegungen des selbsternannten Maestros und der Reaktion bzw. Nichtreaktion des Orchesters kein oder nur wenig Zusammenhang festzustellen ist.

In diesem Punkt werden naturgemäß die Vorteile ausgezeichnet spielender Amateure gegenüber professionellen Orchestern schlagend: Für die ersteren besteht der Lohn ihres Engagements darin, mit Leidenschaft Musik zu machen. Für die letzteren ist Musizieren zuweilen auch nur die probateste Methode, Geld zu verdienen, was im schlimmsten Fall zum Phänomen der Dienstmusik führen kann. Dass derlei in Innsbruck nur sehr selten zu hören ist, hängt auch - und dies wird immer wieder vor allem von ausländischen Musikern bestätigt - mit der unvergleichlichen Atmosphäre im Innenhof der kaiserlichen Hofburg zusammen, die durch ihre exzellente Akustik und ein kenntnisreiches Publikum nicht wenige Orchester in einen wahren Spielrausch versetzt.

Darunter auch so hochprofessionelle Ensembles wie die Bigband der Bundeswehr, die in diesem Jahr eines der hinreißendsten Konzerte überhaupt ablieferte.

Womit wir bei Timor Oliver Chadik angelangt wären, dem Bandleader der Bigband der Bundeswehr Deutschland, der idealerweise den eher zurückhaltenden, eleganten und introvertierten Dirigententyp repräsentiert. Zu dieser Kategorie gehören wohl auch Lukas Beikircher vom Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, Helmut Schmid von der Stadtmusikkapelle Landeck, Mathias Charton vom L`Orchester d`Harmonie Francais, vor allem aber Danny Oosterman vom Nationalen Jugendfanfaren Orchester der Niederlande, eine der herausragenden Dirigentenpersönlichkeiten der gesamten Konzertreihe. Zu nennen sind aber auch Martin Knoll von der unvergleichlich klangschön aufspielenden Bürgerkapelle Lana aus Südtirol sowie Bernhard Schlögl vom Sinfonischen Blasorchester Tirol, Lukas Hofmann von der Bläserphilharmonie Osttirol und Karl-Heinz Siessl vom Orchester der Akademie St. Blasius. Wie überhaupt festzustellen ist, dass Orchester und Dirigenten aus Tirol mit dem internationalen Niveau ihrer ausländischen Kollegen mithalten können, was in Anbetracht der oftmals sehr jugendlichen Musikerinnen dem heimischen Instrumental- und Dirigierunterricht ein ausgezeichnetes Zeugnis ausstellt. Dies gilt besonders für die zu neuem Leben erwachte Brassband Fröschl Hall, die unter dem Schweizer Corsin Tuor ihr bestes Konzert im Innenhof der kaiserlichen Hofburg überhaupt ablieferte.

Wenn alles passt

Es fehlt leider der Platz, all die kollektiven und persönlichen Leistungen der Musikerinnen und Musiker, Solisten, Sängerinnen, Sänger und Dirigenten aufzuzählen, die in diesem Jahr für eine Konzertreihe verantwortlich zeichneten, die sich auf künstlerisch sehr hohem Niveau bewegte und, abgesehen von einer dramaturgischen Fehleinschätzung im Hinblick auf mehrere Konzerte von Trachtenkapellen an einem Abend, keine Wünsche offen ließen. Es hat bei den 24. Innsbrucker Promenadenkonzerten schlicht und einfach sehr oft fast alles gepasst: Vom Wetter angefangen bis hin zu bestens ausgewogenen Programmen, charmanten Moderationen und dem Klang moderner Blasorchester, die in ihrer Transparenz und Virtuosität klassischen Symphonieorchestern mitnichten unterlegen sind. Als Veranstalter kann ich dies nur mit großer Dankbarkeit festhalten und mich bei all jenen entschuldigen, die ich im Rahmen dieses kurzen Aufsatzes nicht namentlich erwähnt habe. Besonders erfreulich war dabei auch heuer wieder die Tatsache, dass sich zeitgenössische Werke, die in den Konzertsälen der Hochkultur immer noch um Anerkennung ringen, im Rahmen der Promenadenkonzerte besonderer Beliebtheit erfreuten und beim Publikum besonders gut ankamen. Dies gilt für David Maslankas „Give us this Day“ in gleicher Weise wie Marcel Poots „Mouvement Symphonique“ oder für das vom Blasorchester Kirchheim unter Teck unter Marc Lange perfekt gestaltete Werk von Frank Ticheli „Angels in the Architecture“. Und es gilt für Werke wie „Danse funambulesque“ von Jules Strens, aufgeführt vom Oberösterreichischen Jugendblasorchester unter Walter Ratzek, oder auch für das charmante Posaunenkonzert des noch sehr jungen niederösterreichischen Dirigenten und Komponisten Daniel Muck.

PS: Die 25. Innsbrucker Promenadenkonzerte finden 2019 von Montag den 1. Juli bis Sonntag den 28. Juli statt. Zusagen der berühmtesten europäischen Militärorchester, nach Innsbruck zu kommen, liegen bereits vor. Gespräche mit herausragenden Brassbands und Bigbands von Weltformat sind im Gange und werden demnächst erfolgreich abgeschlossen. Ebenso wurde der renommierte österreichische Komponist Michel FP Huber damit beauftragt, zum 25 Jahre-Jubiläum eine Bläsersymphonie zu schaffen, deren Uraufführung das Musikkorps der Bundeswehr unter der Leitung von Christoph Scheibling bereits zugesagt hat.

Alois Schöpf

November 2018

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